

Rehpfad II – ‚Neue Welt‘
Videoinstallation
Ein Schiff, das von einer ‚Alten Welt‘ in eine ‚Neue Welt‘ fährt. Darauf ereignen sich unheimliche Dinge. Pelzige Behausungen stehen in dichten Wäldern, bewohnt von Kopflosen. Fellwesen, die die Welt der Kopflosen erobern. Darauf die Rache der Kopflosen. Fellwesen und Kopflose leben gegeneinander und miteinander in der ‚Neuen Welt‘. Sie überschütten sich mit Grausamkeiten. Wer wen beherrscht, wird nicht ersichtlich.
Rehpfad II ist ein imaginierter, nochmaliger Aufbruch in die ‚Neue Welt‘. Ich gehe bei diesem nicht von unserem heutigen Wissen aus, sondern orientiere mich an den merkwürdigen wie verstörenden Berichten der einstigen Seefahrer und Eroberer und folge zugleich den oft verstümmelt überlieferten Erzählungen indigener Völker. In Rehpfad II ist die Furcht vor dem Unbekannten heruntergebrochen auf die Interaktion archaischer Wesen, deren Handlungen ins Leere laufen und aus deren Kämpfen niemand als Sieger hervorgehen kann. In dieser Welt schlüpfe ich in fremde Rollen männlichen Geschlechts, bin Eroberer wie Eroberter, und alle Dinge, die die Wesen sich gegenseitig zufügen, füge ich mir selber zu. Am Ende stehen Absurdität und Chaos. Ich blicke auf das Fremde und das Fremde blickt zurück auf mich.
Rehpfad II – Videostills
Das Knarren hölzerner Schiffsplanken führt uns hinüber in die ‚Neue Welt‘. Die Gestalten im Inneren des Schiffs sehnen sich nach Helligkeit, nach Licht, nach Luft. Es ist nicht sicher, ob der dunkle, schaukelnde Bauch sie je gehen lassen wird; die Schatten, die mit ihnen reisen, sind überall. An diesem Ort des Übergangs gelten andere Gesetze, bestehende Verhältnisse werden immer wieder gestürzt. Die Gestalten sind des Umstürzens müde, aber sie können nicht entkommen.
Kreis, Stein, Mond, Fleisch, Hütte, Baum, Brot
Für Rehpfad II arbeite ich mit Fundstücken, mit Darstellungen aus der Zeit der ‚Entdeckung‘, Eroberung und Besiedelung der ‚Neuen Welt‘. Sie erzählen, oft verborgen, von der Furcht und Vorstellungswelt der Menschen, von denen sie einst niedergeschrieben oder mündlich weitergegeben wurden. Ich folge den Bildern der Geschichten und Mythen, der ihnen innewohnenden, eigentümlichen Logik. In den irritierenden Ritualen von Kopulation, Geburt, Krieg und Verrat vermischen sich vergangene Realitäten, Angst vor dem Unbekannten und Wunschdenken und trüben den Verstand. Es entstehen bizarre Wesen wie die Kopflosen, die Acephalen. Auch sie sind Verkörperungen von Bildern, die sich der Mensch vom Anderen macht; hier bedroht das Unbekannte die eigene Identität.
Dann kommt der Wald in Sicht, wie eine Wand. Hier liegt der Eingang zur ‚Neuen Welt‘. Dahinter siedeln die Bewohner des erreichten Kontinents. Sie suchen Schutz in ihren Hütten, doch der Feind lauert auch in ihnen, im Dunkeln. Frauen und Kinder sitzen beieinander und lauschen Geschichten, nicht wissend, ob diese in einer finsteren Vergangenheit oder in der nahen Zukunft spielen. Sie handeln vom Krieg der Kopflosen und der Fellwesen. Von Kriegern, die die Gestalt von Tieren annehmen können, die sich wechselseitig in fremder Gestalt besuchen, die ihre Feinde verstümmeln, sich gegenseitig verzehren; das Essen der jeweils anderen vergiften.
Auszüge aus Rehpfad II, Rohmaterial ohne Farbkorrektur, teilweise vertont
Ton: Josef Maria Schäfers
Die Volksgruppe der Mapuche bewahrte von Beginn der Kolonisierung durch die Spanier bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts hinein ihre Unabhängigkeit; bis ihre Gebiete gewaltsam und rechtswidrig an Chile angegliedert und massiv von Einwandern aus Europa besiedelt wurden, unter diesen auch meine Urgroßeltern.
Die Handlungen von Rehpfad II sind großenteils Anleihen bei den verschriftlichten Mythen und Legenden der verschiedenen indigenen Volksgruppen Chiles. Ich arbeite mit den sprachlichen Formen, die der Schriftsteller Oreste Plath diesen Mitte des 20. Jahrhunderts gegeben hat (Geografia del mito y la leyenda chilenos, 1973). Dieser dichterisch kondensierten Form entnehme ich einfache Handlungsstränge, kombiniere sie mit der von Furcht getrübten Vorstellungswelt der europäischen Kolonisatoren und besetze sie neu.